
Systemisches Coaching ist ein häufiger Begriff und ziemlich bekannt. Wie können Gruppen mit der Systemtheorie arbeiten und wie moderiere ich „systemisch“?
Was ist die Systemtheorie?
Die Systemtheorie ist ein Denkmodell, das die Welt als Netzwerk von verbundenen Systemen versteht – ob Organismus, Unternehmen oder Gesellschaft. Jedes System besteht aus Elementen, die durch Beziehungen ein Ganzes bilden. Systeme verhalten sich oft anders als die Summe ihrer Teile, reagieren auf Veränderungen, regulieren sich selbst und lernen durch Rückkopplung.
Ein zentrales Konzept ist die Autopoiesis (Humberto Maturana, Francisco Varela): Es beschreibt die Fähigkeit lebender Systeme, sich selbst zu erzeugen und zu erhalten. Ein autopoietisches System produziert die Elemente, aus denen es besteht, selbst – wie eine Zelle, die ihre eigenen Bestandteile immer wieder neu bildet. Dadurch bleiben solche Systeme trotz äußerer Einflüsse stabil und eigenständig.
Die Systemtheorie hilft, komplexe Zusammenhänge zu verstehen – etwa warum kleine Ursachen große Wirkungen haben. Sie lädt dazu ein, nicht nur Einzelteile zu betrachten, sondern das Ganze und seine Dynamik im Blick zu behalten. Sie löst eindimensionale Kausalitäten auf und öffnet den Blick für weitere Lösungen. In sozialen Systemen wie Organisationen oder Teams ist Kommunikation ein wichtiges Bindeglied zwischen den verschiedenen Elementen.
Wichtige Vertreter*innen der Systemtheorie sind Gregory Bateson und Paul Watzlawick (Systemische Therapie), Humberto Maturana und Francisco Varela (Autopoiese), Ernst von Glasersfeld (Konstruktivismus) und Niklas Luhmann (Kommunikation). Zum weiteren Umfeld der Systemtheorie gehört nach meinem Verständnis auch die Lösungsorientierte Kurzzeittherapie nach Steve de Shazer.
Was ist Moderation?
„Moderation im Sinne einer Gruppenmoderation ist das Steuern von Gruppenprozessen mit dem Ziel, die Beteiligten im gemeinsamen Erarbeiten von Ergebnissen zu unterstützen.“ (Dauscher, 2020) LINK (https://www.socialnet.de/lexikon/Moderation) Diese Definition von Moderation finde ich präzise und praxisnah, sie beschreibt die Art und Weise wie ich die Aufgabe als Moderatorin verstehe.
Eine Moderation wird nach dem Briefing in der Struktur und im Ablauf genau vorgeplant. In der Umsetzung wird je nach inhaltlichen Ergebnissen, Situation im Gruppenprozess oder Zeitbedarf flexibel angepasst. Wichtig ist, dass die Moderation inhaltlich nicht beteiligt ist und so in den Augen der Gruppe neutrales Vertrauen genießt. Sämtliche Arbeitsprozesse und -ergebnisse werden visualisiert und sichtbar schriftlich festgehalten. So haben alle den aktuellen Arbeitsstand vor Augen. Mit verschiedenen Formaten wird der Austausch innerhalb der Gruppe ermöglicht.
Wie wird systemisch gearbeitet?
Im Folgenden gehe ich auf vier Aspekte systemischen Arbeitens ein und beschreibe, wie sie in der Moderation von Gruppen wirksam werden können.
#1 Alle Elemente des Systems aktivieren: Die Gruppe, die zusammen arbeiten möchte, wird als System betrachtet und es ist die Aufgabe der Moderation, niedrigschwellige Gelegenheiten sich zu beteiligen für alle zu schaffen. So kann jede und jeder Einfluss auf die Entscheidungen, den Ablauf der Diskussion und den Gruppenprozess nehmen. So gibt es nicht nur Diskussionen im Plenum, sondern unterschiedlichste Formate in denen alle Stimmen gehört und in das Thema einfließen können. Dazu gehören Kleingruppen, individuelle Reflexion oder auch schriftliche Formate. Wichtig ist, dass es nicht darum geht, wer zuerst spricht oder sich am lautesten in der Diskussion behaupten kann.
Umsetzung:
- Abwechslungsreiche, zur inhaltlichen Fragestellung passende Kleingruppen und Austauschformate
- Die Gruppe auf eine unterhaltsame, und mit Blick auf das Ziel und die Inhalte der Veranstaltung sinnvolle Art und Weise in Kontakt bringen und so für jede*n ermöglichen, mehr über das System und seine Teilnehmenden zu erfahren
- Von der Moderation erhält die Gruppe strukturierte Impulse zur Selbstreflexion und kollektiven Resonanz
#2 Lösungsorientierung: Mit klarem Fokus auf ein brauchbares Ergebnis für die Gruppe, werden vergangenheitsorientierte Analysen von Problemen auf ein Minimum reduziert. In Systemen gibt es selten klare Ursache-Wirkung-Kausalitäten, sondern häufig nicht vorhersagbare Wechselwirkungen und Entwicklungen. Im Fokus steht daher die (kreative) Erarbeitung von einer Reihe an möglichen Lösungen oder Vorgehensweisen. Kreativ steht hierbei nicht unbedingt für ein Malen mit bunten Stiften. Die Moderation initiiert die Atmosphäre und den Raum, auch über Lösungen nachzudenken, die nicht auf der Hand liegen, die vielleicht sehr ungewöhnlich sind oder für die bisher noch nicht der Mut bestand, sie auszusprechen.
Umsetzung:
- Fokus auf das Zielbild statt Problemgeschichte
- In einem ersten Schritt viele Lösungsmöglichkeiten produzieren.
- Erst im zweiten Schritt bewertet die Gruppe, was und in welcher Reihenfolge sie umsetzen möchte.
- Förderung von Mut zu ungewöhnlichen oder experimentellen Lösungen
#3 Zielorientierung und Prozesssteuerung: Für jede Moderation gibt es eine (oder mehrere) klare Aufgabe, die die Gruppe miteinander lösen möchte. Der Auftrag an die Moderation ist, eine Struktur zu schaffen, die die Bearbeitung dieses Arbeitsauftrages für die Gruppe unterstützt und zum Ergebnis leitet. Dieser Auftrag und der Ablauf wird zu Beginn mit der Gruppe aktualisiert. Ohne Einfluss auf die Inhalte zu nehmen ist dann die Moderation für die Steuerung des Arbeitsprozesses und die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe zuständig. Regelmäßig erhält die Gruppe einen Blick auf den Arbeitsstand und Rückmeldung zur Zusammenarbeit und zum Kontakt.
Umsetzung:
- Ich sorge in Konzeption und Moderation dafür, dass ein Ergebnis zustande kommt.
- Klare Visualisierung von Prozesszielen und Arbeitsstand
- Es wird nicht nur inhaltlich gearbeitet, sondern (bei Bedarf) auch auf der Metaebene des Gruppenprozesses. Wenn dies sichtbar wird, dann sorge ich dafür, dass Zeit und Raum für die Klärung da ist.
#4 Kommunikation: Kommunikation ist das Bindeglied zwischen den Elementen im System. Die Qualität der Kommunikation bestimmt, was wahrgenommen, ausgehandelt und entschieden wird. Wünsche aus der Gruppe zu Vereinbarungen zur Zusammenarbeit zeigen immer wieder den Bedarf nach Aspekten wie gegenseitiger fokussierter Aufmerksamkeit, ausreden lassen, keine Vorwürfe. Für die Moderation gilt es, einen respektvollen Kommunikation zu fördern – und bei Bedarf auch einzufordern.
Umsetzung:
- Dialogische Haltungen werden gefördert: aktives Zuhören, Perspektivenwechsel, Resonanzerleben
- Nicht zielführende oder destruktive Muster werden aufgelöst: Vielredner:innen stoppen, Leise aktivieren, Spannungen klären
- Ich löse Irritationen und kläre Emotionen auf eine respektvolle und lösungsorientierte Weise
Jeder Workshop ist eine Investition in eine vertrauensvolle Zusammenarbeit
Systemisch zu moderieren bedeutet, nicht als „Steuernde“ aufzutreten, sondern als Ermöglichende. Es bedeutet, Vertrauen in die Selbstorganisationsfähigkeit der Gruppe zu haben – und gleichzeitig eine strukturgebende Präsenz zu zeigen, die diesen Prozess rahmt. Auch wenn der Prozess zwischendurch manchmal herausfordernd ist: Es ist immer wieder unglaublich, was Gruppen von Menschen, die sich ehrlich aufeinander einlassen, miteinander schaffen können. Jeder Workshop, jede Klausurtagung ist eine Investition in einer vertrauensvolle und ergebnisorientierte Zusammenarbeit der Gruppe.
Literatur:
- Dauscher, U. (2020): Moderation, https://www.socialnet.de/lexikon/Moderation
- Schlippe, A. von, Schweitzer, J (2016): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht)
- Simon, F. (2011): Einführung in die Systemtheorie und Konstruktivismus. Heidelberg (Carl Auer).
Foto: Unsplash / Bruce Christianson







